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Paradoxe der Stoiker nach Marcus Tullius Cicero

1. Nur was sittlich schön ist, ist ein Gut.
Was man gewöhnlich für Güter hält, wie Reichtum, Macht, sinnliche Vergnügungen, das sind keine Güter; denn sie sind nicht fähig unser Gemüt zu befriedigen und können auch im Besitze schlechter Menschen sein.

2. Die Tugend genügt sich selbst zur Glückseligkeit.
Wem Alles vom Schicksal abhängig ist, für den kann es nichts Gewisses geben; wer aber ganz von sich selbst abhängt, den kann äußeres Unglück nicht unglücklich machen, der ist vollkommen glückselig.

3. Sowie die Sünden, so sind auch die guten Handlungen einander gleich.
Die Sünden sind nicht nach ihren Folgen, sondern nach den Lastern der Menschen zu bemessen. Der Gegenstand der Sünde kann zwar bald wichtiger bald geringer sein; aber das Sündigen selbst ist immer dasselbe.
Die Tugenden sind einander gleich, denn niemand kann besser als gut sein. Es gibt nur eine Tugend, jene mit der Vernunft übereinstimmende in einem stets gleichbleibenden Seelenzustand. Deshalb müssen auch die Laster einander gleich sein.
Die Überzeugung, dass zwischen den Sünden kein Unterschied stattfindet, muss die Menschen am Meisten von jeder Schlechtigkeit abhalten. Nur die Umstände machen in der Sünde einen Unterschied, aber nicht das Wesen der Sache.
Nicht soll im Leben die für jedes Vergehen bestimmte Strafe berücksichtigt werden, sondern wie viel jedem Menschen erlaubt sei. Was aber nicht erlaubt ist, muss als ein Unrecht angesehen werden. In jeder Sünde wird durch Störung der Vernunft und Ordnung gesündigt; sobald aber einmal diese gestört worden sind, so kann Nichts hinzutreten, wodurch man in höherem Grade zu sündigen scheinen könnte.

4. Jeder Tor ist sinnlos
Nach der Ansicht der Stoiker zerfallen die Menschen in zwei Klassen: die Weisen und die Unweisen oder Tore; der Weise ist frei von aller Torheit, der Unweise entbehrt aller Weisheit. Der Unweise ist sinnlos (verrückt), weil er über sich selbst und das, was ihn zunächst angeht, kein Bewusstsein hat.

5. Der Weise allein ist frei, und jeder Tor ist ein Sklave.
Nur der ist frei, der seine Leidenschaften zu beherrschen vermag. Denn Freiheit ist die Macht so zu leben, wie man will, und nur der lebt, wie er will, welcher zu jeder Zeit dem sittlich rechten folgt. Also ist nur der Weise frei, der Unweise aber ein Sklave. Denn Sklaverei besteht darin, dass man einem kraftlosen und kleinmütigen Geist, der keinen freien Willen hat, Gehör gibt. Also sind alle Leichtfertigen, Leidenschaftlichen, alle Schlechten Sklaven.

6. Der Weise allein ist reich.
Für reich ist der zu halten, der so viel besitzt, als zu einem anständigen Leben genügt, und damit zufrieden ist. Diejenigen aber, die man gewöhnlich Reiche nennt, sind nicht reich, sondern vielmehr arm; denn sie sind nie mit dem zufrieden, was sie haben, sondern begehren immer mehr.
Der wahre Reichtum beruht auf der Tugend, die dem Menschen nie entrissen werden kann. Die Tugendhaften sind daher allein reich; sie allein besitzen gewinnreiche und dauernde Güter und sind allein mit dem zufrieden, was sie haben, und vermissen nichts.

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